Ein Gang durch die Zeit

von Rudolf Rubi, sel. Lehrer und Lokalhistoriker


Das dokumentarisch bezeugte Grindelwald gibt es nun also über 850 Jahre. Für uns ist diese Zeitspanne kaum erfassbar. Versuchen wir sie zu raffen, indem wir jedem Jahrhundert die Sprintstrecke von hundert Metern zumessen und schicken wir einen sportlichen Wanderer auf den 850 Meter langen Weg. Er soll ihn entsprechend dem Charakter der Jahrhunderte, wie sie für Grindelwald bestimmend waren, zurücklegen. Wie hat er sich fortzubewegen?

Die ersten fünfhundert Meter wandert er im Tempo des beschaulichen Fussgängers. Dann folgen zwei- bis dreihundert Meter allmählicher Steigerung, er muss zu einem forschen Schritt oder leichten Laufschritt ansetzen und schliesslich folgt die letzte Hundertmeter-Sprintstrecke, die seine ganze Schnelligkeit herausfordert. Grindelwald hat demnach drei Zeitepochen durchgemacht, die sich relativ deutlich abgrenzen lassen:

  1. Fünf Jahrhunderte der Erhaltung und Bewahrung des ursprünglichen, naturgegebenen Zustandes unter der Herrschaft von Adeligen, des Klosters Interlaken und der Gnädigen Herren von Bern, die sich ablösten. Im Tal veränderte sich wenig oder nichts.

  2. Zweieinhalb Jahrhunderte des Aufbruchs in eine andere Zeit, bewirkt durch die Naturwissenschaft, welche das Tal als Fundgrube für Forschung, Gletscher- und Bergabenteuer entdeckte. Die Einheimischen fanden neue Lebensmöglichkeiten.

  3. Ein Jahrhundert des radikalen Umbruchs wegen der rasanten Entwicklung der Verkehrsmittel und der ausufernden Mobilität von Menschenmassen. Die Lebensgrundlagen der einheimischen Bevölkerung veränderten sich vollkommen. 



Wie geht es weiter? Grindelwalds Grundkapital ist und bleibt die einzigartige natürliche Umwelt, die ein Füllhorn von Möglichkeiten zu beschaulichen, erholsamen, anforderungsreichen und gar abenteuerlichen Tätigkeiten bietet. Hier sind wir an eine Grenze gelangt. Die Linie zu finden, die nicht überschritten werden sollte, ist die entscheidende Aufgabe unserer und der nächsten Generation. Die Devise "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister" müsste wohl der Leitfaden für das letzte Viertel des vollen Grindelwalder Jahrtausends sein.

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